Tag 10: Munising

Heute ist Natur angesagt. Wir wollen heute zu Fuß den Pictured Rocks National Lakeshore erkunden. Oder zumindest einen winzigen Teil davon.

Zuerst aber werden wir mit einer Tatsache konfrontiert, die der Wetterbericht uns schon für Mitte letzter Woche prognostiziert hatte, dann aber immer wieder hinausgeschoben hatte: Regen. Gottseidank kein starker Regen. Es regnet leicht und wir beschließen, uns davon nicht unterkriegen zu lassen, sondern endlich die mitgebrachten Jack-Wolfskin-Jacken zum Einsatz zu bringen.

Vorher aber natürlich frühstücken. Das Frühstücksangebot hier im Days Inn in Munising ist um 8.30 Uhr, als wir den Frühstücksraum betreten, schon deutlich eingeschränkt. Es gibt zwar ein Waffeleisen aber keinen Teig mehr. Es gibt keine Bagels und nur noch wenige Scheiben Toast und ein paar Toastbrötchen. Obst und Joghurt gibt’s erst recht nicht. Und Kaffee muss man sich von der Rezeption holen. Naja, egal, wir werden wohl nicht verhungern.

Als wir Platz nehmen werden wir (mal wieder) vom Nebentisch aus angesprochen, woher wir denn kommen. Es entwickelt sich (mal wieder) ein sehr nettes Gespräch mit einem älteren Ehepaar, das erzählt, dass sie einen Cousin in Deutschland hat. In der Eifel. Und sie würden dann so gerne nach“ Koukem“ (Cochem) fahren. Begeisterung, als ich erzähle, dass dort meine Heimat ist. Ich bin erstaunt, dass ich in den USA schon wieder jemanden treffe, der das winzige Moselstädtchen Cochem kennt und toll findet.

Während diesen angeregten Gesprächs kommt jemand vom Motel, räumt auf und füllt sowohl Toast als auch Waffelteig wieder auf. Ralf opfert sich, die obligatorische Frühstückswaffel für uns beide zu machen, ich kann weiterquatschen. Irgendwann bemerke ich, dass Ralf in Nöten ist. Im Gegensatz zu allen anderen Waffeleisen, die wir bisher kennen gelernt haben, ist dieses Gerät unbeschichtet und hätte mit einem Backspray eingesprüht werden müssen. Die nette Amerikanerin versucht ihm zu bei der Beseitigung der traurigen Überreste, die felsenfest fest gebacken sind, zu helfen, scheitert aber auch. Die herbeigerufene Hotelangestellte nimmt das Waffeleisen mit und bringt es nicht mehr zurück.

Nach dem Frühstück gehen wir zuerst in den gegenüberliegenden Supermarkt und kaufen Zutaten für Sandwiches für heute Mittag ein, die wir auf unsere Wanderung mitnehmen werden. Wieder einmal ein gar nicht zu einfaches Unterfangen bei dieser riesigen Auswahl. Die Kassiererin macht uns noch Mut, dass gegen Mittag der Regen aufhört und dann geht es los.

Woran erkennt man, dass dieser Wandersmann aus Deutschland kommt? (Tipp: Es hat was mit Wolfshaut zu tun ...)
Woran erkennt man, dass dieser Wandersmann aus Deutschland kommt? (Tipp: Es hat was mit Wolfshaut zu tun …)
Es gibt kein schlechtes Wetter - nur falsche Kleidung
Es gibt kein schlechtes Wetter – nur falsche Kleidung

Als erstes fahren wir zu den Miner Falls, die wir ganz schön, aber nicht soooo beeindruckend finden. Deshalb machen wir uns bald auf den Weg zu Miners Castle, einen Felsen im Lake Superior, der toll anzusehen ist. Die Aussicht ist aufgrund des Wetters natürlich nicht so berauschend, aber trotzdem gefällt es uns dort gut. Aber wir wollen weiter, und zwar auf dem Lakeshore Trail zum Miners Beach wandern.

Auf dem Lakeshore Trail
Auf dem Lakeshore Trail
Die Miner Falls
Die Miner Falls
Märchenwald bei Munising
Märchenwald bei Munising
Miners Castle
Miners Castle
Auch ein dunstiger See hat seinen Reiz
Auch ein dunstiger See hat seinen Reiz
Die Pilze lieben das feuchte Wetter
Die Pilze lieben das feuchte Wetter

Der Weg ist wunderschön, schlängelt sich durch den Wald, der trotz des leichten Regens wunderschöne Anblicke bietet. Leider geht es ziemlich bald ziemlich steil mit natürlichen Stufen bergab. Wer schon einmal mit mir eine Bergwanderung gemacht hat, weiß was das bedeutet: Es geht langsam voran, seeehr langsam. Dann kommen wir an einen Fluss, dessen Ufer und Flussgrund aus weißem, feinen Sand besteht. Alles ist sehr ursprünglich, die Bäume wachsen wie sie gerade wollen. Schön. Der Weg folgt eine ganze Weile dem Flussufer, dann überqueren wir den Fluss und bald schon gelangen wir durch die Dünen zum Miners Beach.

Der Miners Beach - Durch den Regentag heute menschenleer.
Der Miners Beach – Durch den Regentag heute menschenleer.
Was ist das für ein Stein?
Was ist das für ein Stein?

Gestern haben wir diesen langen Strand schon vom Schiff aus gesehen, aber selbst dort zu sein ist unbeschreiblich. Keine Menschenseele ist zu sehen, ab und zu liegt ein angetriebener Baumstamm am Strand. Rundherum die Felsen der Pictured Rocks. Hier könnte man eine Ewigkeit aushalten – wenn das Wetter denn schöner wäre. Zwar hat es inzwischen – es ist 1 Uhr mittags – tatsächlich aufgehört zu regnen, aber der Sand ist natürlich nass, wenn auch nur oberflächlich. Deshalb setzen wir uns auf einen Baumstamm (dabei bin ich wieder froh über meine Sitzunterlage, die immer in meinem Rucksack ist), packen unsere Sandwiches aus und machen eine ausgiebige Pause.

Wasserfall am Miners Beach
Wasserfall am Miners Beach
Jutta träumt und will nie mehr von hier weg
Jutta träumt und will nie mehr von hier weg

Danach wandern wir den Strand entlang und stellen fest, dass das Gehen im tiefen Sand sehr anstrengend ist. Anschließend gehen wir noch ein Stück auf dem Trail, der oberhalb des Strandes der Uferlinie folgt. Dort ist der Boden aber auch sandig, deshalb entschließen wir uns bald, den Rückweg anzutreten. Viel schneller als auf dem Hinweg sind wir wieder am Auto. Klar, es ging ja auch bergauf! (Ja, ich wandere lieber bergauf!)

Zwei verliebte Wanderer am Munising Fall
Zwei verliebte Wanderer am Munising Fall
Der Munising Fall
Der Munising Fall

Als wir beim Auto angelangt sind, stürmen wir erst einmal die Restrooms und stillen ausgiebig unseren Durst. Leider hatte ich nur einen halben Liter Wasser mitgenommen – zu wenig!

Suchspiel: Finde das Tier im Sand Point Marsh
Suchspiel: Finde das Tier im Sand Point Marsh
Hier die Anleitung zum Spiel
Hier die Anleitung zum Spiel
Und wir haben tatsächlich ein Tier gefunden!
Und wir haben tatsächlich ein Tier gefunden!
Rastplatz am Ende der Tour
Rastplatz am Ende der Tour

Danach fahren wir noch ein paar Punkte an, die die Rangerin im Visitors Center gestern als sehenswert markiert hatte. Alles sehr, sehr schön, aber wir sind ziemlich müde. Es sieht so aus, als müssten wir noch einmal hierher zurückkehren. Es gibt noch so viel zu entdecken!

Auf dem Weg zum Hotel halten wir noch kurz bei „Das Gift Haus“ an, einem Geschenkeladen, der offenbar einen trendigen deutschen Namen wählen wollte und einen unglücklichen Fehler eingebaut hat. Wir stöbern ein bisschen, kaufen eine Kleinigkeit und Ralf spricht die Kassiererin auf den Fehler an. Offenbar ist er nicht der Erste, der das tut, denn die Gute reagiert etwas genervt, drückt uns nur eine Visitenkarte in die Hand.

Das Gift Haus - Niemals, wirklich niemals die Besitzerin auf das Wortspiel ansprechen. :-)
Das Gift Haus – Niemals, wirklich niemals die Besitzerin auf das Wortspiel ansprechen. 🙂

Essen tun wir heute nach der üblen Erfahrung gestern in einem Lokal direkt nebenan, Dog Patch. Eine urige Angelegenheit mit schnellem, freundlichen Service und leckerem Essen. Zum Nachtisch genehmigen wir uns zum ersten Mal American Applepie mit Eis. Schmeckt der lecker!

Beim Zahlen an der Kasse (schlauerweise muss man zum Zahlen in den angrenzenden Souvenirladen, in dem Andenken an dieses Lokal kaufen kann) werden wir von einem Paar angesprochen. Wir wären gestern Abend doch auch im „Navigator“ gewesen, ob wir das Essen und den Service auch so schrecklich gefunden hätten. Oh ja, das haben wir in der Tat! Übereinstimmend kamen wir zu dem Schluss, dass das Dogpatch wirklich sehr viel besser sei, eine echte Empfehlung. Wieder einmal eine nette Begegnung, die diesen schönen Tag abgerundet hat.

Dogpatch - das etwas bessere Lokal :-)
Dogpatch – das etwas bessere Lokal 🙂
Das beste Lokal vor Ort - Dogpatch Hausseite - vorne, hinten und innen ist weiter so schön bunt:
Das beste Lokal vor Ort – Dogpatch Hausseite – vorne, hinten und innen ist weiter so schön bunt:

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Ralfs Bericht:

Ich kann mich Juttas Bericht nur anschließen. Es war ein wunderschöner Tag in der Natur, der Körper und Seele so richtig gut getan hat. Nichts gegen Stadttouren, American Highways, Bootsrundfahrten und ähnlichem – aber gegen eine mehrstündige Wanderung auf Naturwegen, quer durch (fast) unberührte Landschaften kommt das einfach nicht an, wenn es darum geht Erholung zu finden. Leider hatte ich meine „große“ Kamera nicht dabei und durch einen dummen Bedienungsfehler meinerseits, sind leider die meisten Bilder falsch belichtet. 🙁 – Aber egal – viel wichtiger als die Bilder, sind die Erinnerungen an das einfache Picknick am menschenleeren Strand von Miners Beach, kurz nachdem der Regen aufgehört hat. Es war einfach unbeschreiblich schön. Wellen plätschern an den hellen Sandstrand, im Hintergrund der Wald, aus dem der Dunst des vorangegangenen Regens aufsteigt, weiter am Rand die „gemalten Felsen“ und der kleine Fluss, der uns die halbe Wanderung über begleitet hat, wie er seinen Weg in den großen See findet.

Dabei die Erinnerung an das Gespräch gestern mit dem netten Paar auf dem Boot, bei dem uns der Mann erklärte, das in der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren, das Eis eine Meile (also knapp 1,5 Kilometer) hoch über dieser Gegend lag und diese wunderbare Seenlandschaft geformt hat. Durch diese meditative Stimmung wurde mir mal wieder deutlich wie klein unsere heutige Zeit und unseren heutigen Sorgen einfach sind, wenn man sie mit den großen Zeiträumen in Verbindung setzt, die notwendig waren um diese herrlichen Landschaften zu formen, und wie diese Landschaften weiter geformt werden. Jeder Kieselstein im See wird über kurz oder lang auch zu kleinen Sandkörnern geschliffen, die dann wieder an diesen Strand gespült werden können – und das alles lange, lange nachdem wir nicht mehr sind …

Genug philosophiert. Einen wichtigen Ausflugspunkt hat Jutta doch glatt vergessen zu erwähnen: Der Lehrpfad „Sand Point Marsh Trail“ – Die Rangerin im Visitorcenter, die ich nach möglichen Tageswanderungen gefragt hatte, hatte uns diesen ungefähr 0,7 km langen „Trail“ auf der Karte gekennzeichnet und nachdem wir uns schon den „Munising Fall“ angesehen haben, der in der Tat wirklich nett ist, auch wenn das spannendste an dem „Trail“ die Treppen zu den Höhen des Wasserfalles sind, waren wir bereit uns noch ein Naturwunder anzusehen.

Nach ein paar Metern Asphalt begann ein Bretterweg durch eine Sumpflandschaft. Hier waren überall Lehrtafeln angebracht, die erklärten, welche Tiere man hier alles sehen kann. Dummerweise lag es wohl daran, dass die amerikanische Feriensaison schon vorbei war, und die Tiere alle Feierabend hatten, so dass wir beide ein lustiges Suchspiel veranstalteten: „Finde ein Tier“ – Es war nichts zu sehen, kein Fisch, kein Vogel, kein Frosch – noch nicht mal die Schlangen, von den andere Reiseberichte erzählten. Das größte Tier, dass uns über den Weg lief, war ein Wasserläufer und ansonsten waren auf dem Trail (und den paar anschließenden Metern Lakeshore Trail, der an der Stelle seinen Anfang findet) nur noch Stechmücken vorhanden, die sich bald über die neue Nahrungsquelle freuten und uns reichlich besuchten. Wir ergriffen dann bald die Flucht und ich kann nur allen Wanderern, die nach uns diesen landschaftlich schönen Pfad erkunden wollen, nur empfehlen sich vorher mit Mückenschutzmittel einzudecken. Immerhin ist es eine Sumpfgegend.


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